Nachgefragt

Fachinfo

Prof. Dr. Alfons Hamm "Das Verhalten ist in hohem Maße automatisiert"

In lebensbedrohlichen Situationen reagieren Menschen häufig panisch. ProSicherheit sprach mit Prof. Dr. Alfons Hamm, Inhaber des Lehrstuhls für Physiologische & Klinische Psychologie/Psychotherapie an der Universität Greifswald, darüber, welche Merkmale Panik hat und wie sie sich auf das menschliche Verhalten auswirkt.


Was ist der Unterschied zwischen Angst und Panik?

Angst bezeichnet ein menschliches Grundgefühl, eine Emotion, die in Situationen aufkommt, die jemand als bedrohlich empfindet. Ein Mensch, der Angst hat, macht sich Sorgen.
Panik hingegen ist ein Ansturm intensiver Angst, der innerhalb von wenigen Minuten crescendo-artig seinen Gipfel erreicht. Dieser Zustand kann bis zu 30 Minuten andauern. Häufig ist die Panik an bestimmte Situationen gebunden. Man spricht auch von Phobien, beispielsweise vor Spinnen oder engen Räumen. Die klassischen körperlichen Symptome der Panik sind Herzrasen, Zittern und starkes Schwitzen.
Der Zustand intensiver Angst kann aber auch unerwartet und situationsungebunden auftreten. Wir beobachten das zum Beispiel beim Autofahren. Solche Panikattacken kündigen sich nicht an. Der Betroffene hat plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.


Was passiert während einer Panik physiologisch?

Es lässt sich eine starke Aktivierung des sympathischen Teils des vegetativen Nervensystems feststellen. Der Sympathikus versetzt den gesamten Organismus in hohe Leistungsbereitschaft und bereitet ihn auf Angriff, Flucht oder andere außergewöhnliche Anstrengungen vor. Dann sind vor allem subkortikale Areale des Gehirns aktiv, also Bereiche, die in der Hierarchie unterhalb der Großhirnrinde angesiedelt sind. Besonders die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, spielt bei der Entstehung von Panik eine wichtige Rolle. Sie analysiert das Gefährdungspotenzial der Außenreize, die auf das Individuum einwirken, und leitet innerkörperliche Anpassungs- und Regulationsvorgänge ein.
Bei einem geringen Prozentsatz der Menschen aktiviert Panik nicht den Sympathikus, sondern seinen Gegenspieler, den Parasympathikus. In diesem Fall setzt nicht der Fluchtreflex ein, sondern es kommt zu einer totalen Drosselung der körperlichen Funktionen, die bis zur Ohnmacht führen kann, um den Organismus zu schützen.


Wie wirkt sich Panik auf das menschliche Verhalten aus?

Bei einer Panik ist das menschliche Verhalten aufgrund der Aktivierung des Sympathikus in hohem Maße automatisiert, da das Großhirn nicht beteiligt ist. So sind schnellere Abläufe möglich. Generell gibt es zwei Verhaltensmuster: das Fluchtverhalten und die stocksteife Starre. Der erste Instinkt ist sicherlich die Flucht, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst wenn die Lage aussichtslos ist, setzt der Immobilitätsreflex ein. Man ergibt sich sozusagen seinem Schicksal. Ein Beispiel: Von den Menschen, die am 11. September 2001 in den brennenden Türmen des World Trade Centers gefangen waren, zeigten nur sehr wenige einen Fluchtreflex und sprangen in der Hoffnung auf Rettung aus dem Fenster. Die Mehrzahl hingegen hatte sich mit der ausweglosen Situation abgefunden und versuchte gar nicht mehr, sich zu retten.


Wie kann man versuchen, auf das menschliche Verhalten in bedrohlichen Situationen Einfluss zu nehmen?

Indem man mögliche Bedrohungsszenarien regelmäßig simuliert. Denn auch hier gilt: Übung macht den Meister. Nehmen wir die Selbstrettung von Menschen aus Gebäuden. Häufig werden solche Übungen als überflüssig abgetan und nicht ernst genommen. Sie machen aber tatsächlich Sinn. Denn nur durch regelmäßiges Einstudieren der Fluchtwege verinnerlicht das Individuum, wie es sich im Ernstfall schnellstmöglich in Sicherheit bringen kann. Wenn sie in Panik sind, haben die Menschen häufig einen Tunnelblick und verlieren völlig die Orientierung. Je öfter man solche Dinge übt, desto größer ist die Chance, die Handlungen zu automatisieren und diese Informationen abzurufen, wenn es darauf ankommt.

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