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Prof. Dr. Klaus Mainzer "Der kreative Zufall"

Zufall oder Schicksal? Gerade nach Unglücksfällen stellen sich die Menschen diese Frage - zu Recht? "Die Welt, in der wir leben, ist zufällig so entstanden. Der Zufall lässt sich zwar nicht kontrollieren, wütet aber auch nicht blind. Es kommt darauf an, den günstigen Augenblick zu erkennen und für sich zu nutzen", meint Prof. Dr. Klaus Mainzer, Philosophieprofessor und Direktor der Carl von Linde-Akademie in München.


Welche Macht hat das Zufällige in unserer Welt, was ist der Zufall physikalisch betrachtet?

Die Welt, in der wir leben, ist nicht vorherbestimmt, sondern zufällig so entstanden. Zufällig nennen wir dabei ein Ereignis, das ohne Grund eintritt oder dessen Grund wir nicht kennen. Zufälle und Risiken bestimmen seit jeher unser Leben, launenhaft scheint die Glücksgöttin Fortuna am Lebensrad zu drehen. Grundlegend für alle Prozesse sind jedoch die Zufallsschwankungen der Elementarteilchen in der Quantenwelt. Hier, auf der kleinsten uns bekannten Ebene, treffen wir auf Zufallsereignisse des Universums, die prinzipiell grundlos eintreten. Also nicht nur zufällig in dem Sinn, dass wir den Grund nicht kennen, sondern auch in dem, dass gar keiner existiert! Albert Einstein war darüber so betroffen, dass er den Quantenphysikern den berühmten Ausspruch entgegenhielt: "Gott würfelt nicht." Auch heute noch ist es vielen Zeitgenossen unvorstellbar, dass aus reinen Zufällen Sterne, Leben, Menschen und Ordnungen entstanden sind. Das ist jedoch die - zugegebenermaßen ernüchternde - Bilanz unserer heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis. Es handelt sich dabei nicht um eine Weltanschauung, für die es eine wissenschaftliche Alternative gäbe. Es ist vielmehr die Widerlegung der jahrhundertealten Vorstellung, dass die Entstehung immer komplexerer Systeme bis hin zum menschlichen Gehirn eines übergeordneten Plans bedürfe, der von einer überlegenen Intelligenz nach Art eines göttlichen Handwerkers schon vorher gemacht wurde.


Inwieweit beherrscht der Zufall Wirtschaft und Gesellschaft?

Wirtschaft und Gesellschaft sind komplexe Systeme aus Millionen von Menschen, deren einzelne Handlungen und Reaktionen uns unmöglich bekannt sein können. Jedes Einzelereignis an sich ist zufällig, dennoch können sie im Kollektiv vielfältige Muster und Gesetzmäßigkeiten aufweisen, die sich beobachten und messen lassen. Im mathematisch-theoretischen Sinn folgt der Zufall der idealen Symmetrie, orientiert sich also an der Gaußschen Normalverteilung. Doch in Wirklichkeit folgt die Wirtschaft genauso wie das Wetter nicht etwa diesem milden Zufallsrauschen, sondern zeigt seit Jahren zunehmend wilde Turbulenzen und Diskontinuitäten. Die Systeme sind zunehmend komplexer geworden, und für komplexe Systeme gilt, dass zufällige, kleine Unterschiede zu Beginn eines Prozesses über alles entscheiden können. Anfangsvorteile schaukeln sich hoch und entscheiden über den Marktführer. Am Anfang des Wettbewerbs steht der Zufall – in Evolution, Ökonomie und Politik. Am Ende setzen sich nicht notwendigerweise die besten Varianten durch, sondern die, die zufällig übrig bleiben. Danach fragt am Ende aber niemand mehr.


Wie geht der Mensch mit seinem Bedürfnis nach Sicherheit und Konstanz am besten mit dem Zufall um?

Ohne Zufall entsteht nichts Neues. Nicht immer fallen die Ergebnisse für uns positiv aus, auch lässt sich der Zufall nicht kontrollieren. Wir können aber seine Systemgesetze verstehen und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass zufällige Ereignisse zu unseren Gunsten wirken. Der Zufall erzeugt dann Sinn für uns, aus dem blinden wird der kreative Zufall. Dafür müssen wir lernen, die Vorzeichen zu erkennen und uns vorzubereiten, wenn die Situation kritisch wird. Der Zufall hat uns Menschen schon immer beschäftigt. In der griechischen Mythologie verkörperte ihn die Zufallsgöttin Tyche. Doch schon damals erkannten die Menschen, dass es eine Gegenkraft zum launenhaften Auf und Ab, dem sie sich ausgeliefert fühlten, geben musste. Das war Kairos, der Gott des günstigen Augenblicks. Darin spiegelt sich die uralte Menschheitserfahrung wider, dass wir uns nicht dem Zufall blind ausgeliefert fühlen sollten. Vielmehr geht es darum, den richtigen Augenblick zu erkennen und die günstige Gelegenheit für sich zu nutzen.